Nerikomi: Wie marmorierte Muster aus eingefärbtem Ton entstehen
Die meisten Muster auf Keramik werden nachträglich aufgetragen, mit Glasur, Engobe oder eingeritzten Linien. Bei Nerikomi ist das anders: Die Farbe steckt schon im Ton selbst, bevor überhaupt ein Gefäß entsteht. Verschiedenfarbige Tonmassen werden zu Blöcken geschichtet, gerollt oder verdreht und anschließend in Scheiben geschnitten. Jede Scheibe zeigt das komplette Muster im Querschnitt, egal wie oft du die Oberfläche später abdrehst oder anschleifst.
Genau das unterscheidet die Technik von allem, was wir bisher zu Oberflächengestaltung geschrieben haben, etwa Sgraffito, Prägen und Engobieren. Diese Techniken tragen Farbe oder Struktur nachträglich auf die fertige Form auf. Nerikomi bringt die Farbe von Anfang an mit.
Nerikomi vs. Oberflächendekoration: Wo der Unterschied wirklich liegt
Bei Sgraffito oder Engobieren trägst du eine dünne Farbschicht auf ein bereits geformtes Stück auf. Trägt man diese Schicht zu dick auf oder schleift man zu tief, kommt irgendwann der reine, unbemalte Ton darunter zum Vorschein. Bei Nerikomi gibt es dieses Darunter nicht: Die Farbe durchzieht die gesamte Masse. Schneidest du ein mit Nerikomi gearbeitetes Stück quer durch, siehst du das Muster genauso wie an der Außenseite. Das macht die Technik aufwendiger in der Vorbereitung, aber langlebiger im Ergebnis, weil sich das Muster nicht wegschleifen lässt.
Wie eingefärbter Ton überhaupt entsteht
Grundlage ist immer eine helle, möglichst reine Tonmasse, meist Porzellan oder heller Steinzeugton, weil dunkle Massen die Farbpigmente überdecken würden. Eingefärbt wird mit:
- Metalloxiden, etwa Kobaltoxid für Blau, Eisenoxid für Braun- und Rottöne oder Manganoxid für Braun bis Schwarz, meist in Mengen von 2 bis 10 Prozent des Tongewichts.
- Handelsüblichen Tonfärbepigmenten, die gezielter dosierbar sind und gleichmäßigere Ergebnisse liefern als reine Oxide.
Das Pigment wird gründlich in den Ton eingeknetet, am einfachsten mit einer Nudelmaschine für Ton oder durch wiederholtes Falten und Kneten von Hand, bis keine Schlieren mehr sichtbar sind. Ungleichmäßig eingearbeitetes Pigment zeigt sich später als fleckiges statt klar marmoriertes Muster.
Die Grundtechnik: Schichten, Rollen, Schneiden
- Mehrere Farbtöne vorbereiten. Meist reichen drei bis fünf unterschiedlich eingefärbte Tonmassen für ein klares Muster, mehr Farben wirken schnell unruhig.
- Zu dünnen Platten ausrollen. Jede Farbe wird einzeln auf eine ähnliche Stärke gebracht, häufig 3 bis 5 Millimeter.
- Stapeln oder aufrollen. Die Platten werden übereinandergelegt und entweder zu einem Block gestapelt oder zu einer Rolle aufgewickelt, je nachdem, ob ein Streifen- oder Spiralmuster entstehen soll.
- Verdichten. Der Block wird vorsichtig zusammengedrückt, damit keine Luft zwischen den Schichten bleibt. Eingeschlossene Luft führt beim Brand fast immer zu Rissen oder Blasen.
- In Scheiben schneiden. Mit einem Schneidedraht wird der Block in dünne Scheiben geteilt. Jede Scheibe zeigt das Muster im Querschnitt.
- Auf eine Form auflegen oder in eine Gießform pressen. Die Scheiben werden auf eine Schale, einen Becher oder eine andere Grundform aufgelegt und glattgestrichen.
Die eine Regel, die über Erfolg oder Riss entscheidet
Alle verwendeten Tonmassen müssen dieselbe Schwindungsrate haben, also im selben Maß beim Trocknen und Brennen schrumpfen. Das ist auch der Grund, warum professionelle Nerikomi-Arbeiten fast nie unterschiedliche Tonarten mischen, sondern eine einzige Grundmasse in verschiedenen Farben einsetzen, wie wir schon in Steinzeug, Irdenware, Porzellan: Die wichtigsten Tonarten erklärt haben. Schrumpfen die Farbschichten unterschiedlich stark, reißt das Stück fast immer genau an den Farbübergängen auf, oft erst beim Brand und damit zu spät, um noch etwas zu retten.
Typische Anfängerfehler
- Zu viele Farben auf einmal. Ab etwa sechs bis sieben Farbtönen wird das Muster meist unruhig statt klar erkennbar.
- Zu schnelles Trocknen. Wie bei jeder Aufbaukeramik führt ungleichmäßiges Trocknen zu Spannungen, bei Nerikomi zeigen sich diese bevorzugt an den Farbgrenzen.
- Zu dicke Schichten. Dicke Platten verziehen sich beim Zusammenpressen leichter und verwischen das geplante Muster.
- Pigment nicht gleichmäßig eingeknetet. Führt zu Wolken statt sauberer Farbflächen im fertigen Schnitt.
Gebrannt wird die fertige Form anschließend wie jeder andere Ton auch, im üblichen Schrüh- und Glasurbrand der jeweiligen Tonart.
Nerikomi in Frankfurt lernen
Atelier Betty Montarou in Frankfurt-Fechenheim hat sich in einem Industrie-Loft auf intensive Nerikomi-Workshops für gemusterte Tone spezialisiert, mit Fokus auf künstlerisches Experimentieren statt Serienproduktion.
Aufbaukeramik und Nerikomi: Die meisten Studios in diesen Städten
Häufige Fragen zu Nerikomi
Braucht man für Nerikomi eine Drehscheibe?
Nein. Die Technik gehört zur Aufbaukeramik und funktioniert komplett ohne Drehscheibe, über das Auflegen und Verstreichen der geschnittenen Scheiben auf eine Grundform.
Kann ich Nerikomi mit normalem Bastel-Ton üben?
Nein, dafür braucht es echten, brennbaren Ton mit Metalloxiden oder Tonpigmenten. Lufttrocknender Bastelton lässt sich zwar ähnlich schichten, zeigt aber nach dem Trocknen kein vergleichbares Muster und ist ohnehin nicht für den Brand gedacht.
Wie lange dauert es, bis man saubere Muster hinbekommt?
Die Grundtechnik lässt sich in einem Workshop-Tag erlernen, wirklich kontrollierte, wiederholbare Muster brauchen aber mehrere Durchläufe. Am meisten Übung kostet das gleichmäßige Einkneten der Farbe und das saubere Schneiden der Scheiben.
Ist Nerikomi dasselbe wie Marmorieren?
Umgangssprachlich werden beide Begriffe oft synonym verwendet, weil das Ergebnis ähnlich aussieht. Nerikomi bezeichnet genauer das Arbeiten mit geschichteten, vorbereiteten Farbblöcken, während freieres Verdrehen einzelner Tonstränge im deutschen Sprachgebrauch häufig einfach als Marmorieren bezeichnet wird.
Fazit
Nerikomi verlangt mehr Vorbereitung als die meisten Aufbaukeramik-Techniken, weil das eigentliche Muster schon vor dem Formen entsteht, nicht danach. Wer bereit ist, mit Schwindungsraten und sauber eingeknetetem Pigment zu arbeiten, bekommt dafür ein Muster, das sich nicht abschleifen oder abwaschen lässt, weil es nie nur auf der Oberfläche war.
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