Schlickerguss und Gipsformguss: Wie Keramik aus der Gießform entsteht
Bei Schlickerguss formst du gar nicht mit den Händen. Du gießt flüssigen Ton, den Schlicker, in eine Form aus Gips. Der Gips zieht dem Schlicker an der Formwand Wasser, eine feste Tonschicht wächst nach innen, und nach ein paar Minuten kippst du den Rest wieder aus. Übrig bleibt ein hohles, exakt geformtes Stück, ganz ohne Zentrieren und ohne Wulst für Wulst zu bauen.
Das macht die Technik zur dritten Formgebungsart neben Drehscheibe und klassischer Aufbaukeramik, und zur einzigen, mit der du wirklich identische Stücke in Serie herstellst. Wie das im Detail abläuft, wofür sich Gipsformguss eignet und wo Anfänger:innen typischerweise scheitern, erklären wir hier.
Wie Schlickerguss (Hohlguss) konkret abläuft
- Schlicker anrühren oder fertig kaufen. Schlicker ist Ton, der mit Wasser und meist etwas Wasserglas oder Soda verflüssigt wurde. Das Verflüssigungsmittel sorgt dafür, dass die Masse trotz wenig Wasser gießfähig bleibt, das reduziert später die Schwindung im Vergleich zu simpel mit viel Wasser verdünntem Ton.
- In die Gipsform gießen. Die Form wird mit Gummibändern oder Klammern zusammengehalten und randvoll mit Schlicker gefüllt.
- Warten, bis die Wand dick genug ist. Der Gips saugt über Kapillarwirkung Wasser aus dem angrenzenden Schlicker, dadurch lagern sich Tonpartikel an der Formwand ab. Je nach Formgröße und wie oft die Form schon benutzt wurde, dauert das für eine 3 bis 5 mm dicke Wand oft 10 bis 25 Minuten.
- Überschüssigen Schlicker abgießen. Das ist der eigentliche Hohlguss: Du kippst die noch flüssige Mitte zurück in den Eimer, zurück bleibt die feste Außenwand als Hohlkörper.
- Nachsaugen lassen und entformen. Das Stück braucht meist weitere 20 bis 40 Minuten in der Form, bis der Scherben lederhart genug ist, um sich formstabil ausschalen zu lassen, ohne einzusacken.
- Nähte nacharbeiten. Mehrteilige Formen hinterlassen feine Gratlinien an den Formfugen. Die werden im lederharten Zustand mit einem feuchten Schwamm oder einer Rippe glattgezogen.
Bei sehr kleinen, massiven Teilen, etwa Henkeln oder Figuren, entfällt das Abgießen. Dann bleibt die Form einfach komplett gefüllt, bis auch die Mitte durchgetrocknet ist. Das nennt sich Vollguss, im Gegensatz zum Hohlguss für größere, hohle Gefäße.
Warum ausgerechnet Gips und keine andere Form
Silikon oder Plastik wären für viele andere Gussverfahren die naheliegendere Wahl, für Keramik funktionieren sie aber nicht. Nur Gips ist porös genug, um dem Schlicker aktiv Wasser zu entziehen und so die Wandbildung überhaupt erst auszulösen. Eine Form aus dichtem Material würde den Schlicker einfach flüssig lassen, egal wie lange er drinsteht.
Genau deshalb nutzt sich eine Gipsform auch ab: Mit jedem Guss lagern sich winzige Mengen Ton in den Poren ab, die Saugkraft lässt nach, und nach schätzungsweise 50 bis 100 Güssen, je nach Pflege und Formgröße, wird eine Form spürbar langsamer und muss irgendwann ersetzt werden. Zwischen zwei Güssen sollte eine Form außerdem 24 bis 48 Stunden komplett durchtrocknen, sonst sinkt die Saugleistung beim nächsten Einsatz zusätzlich.
Wofür sich die Technik wirklich eignet
Schlickerguss lohnt sich vor allem dort, wo Drehscheibe und Handaufbau an ihre Grenzen stoßen:
- Serien identischer Stücke: ein zehnteiliges Tassen-Set, bei dem wirklich jede Tasse gleich groß ist, ist mit der Hand kaum realistisch, aus derselben Form dagegen trivial.
- Asymmetrische oder komplexe Formen: eckige Kannen, Figuren mit Details, alles, was sich weder drehen noch sauber von Hand aufbauen lässt.
- Dünnwandige, gleichmäßige Wände: die Wandstärke ergibt sich direkt aus der Gießzeit, nicht aus der Handfertigkeit.
Der Tausch ist Präzision und Wiederholbarkeit gegen Spontaneität. Wer die freie, spürbare Formgebung der Aufbaukeramik mag, wird Gipsformguss eher technisch als kreativ empfinden, und das ist auch völlig richtig so. Wer dagegen schon mit eingefärbtem Ton experimentiert hat, findet in unserem Artikel zu Nerikomi eine weitere Formgebungsart, bei der die Musterung schon im Rohmaterial steckt statt erst durch die Form zu entstehen.
Eigene Form herstellen oder mit Studio-Formen arbeiten?
Die meisten Einsteiger:innen gießen zunächst in vorhandene Studio-Formen, das ist der unkompliziertere Einstieg. Eine eigene Form herzustellen ist ein eigenes Handwerk: Du brauchst ein Urmodell, also die spätere Form als festen Gegenstand aus Ton, Holz oder einem gefundenen Objekt, baust darum eine Tonwand als Begrenzung und gießt frisch angerührten Gips darüber. Bei Formen mit Hinterschneidungen, etwa einem Henkel oder einer ausladenden Tülle, braucht es mehrteilige Formen mit sauber geplanten Trennlinien, sonst lässt sich das fertige Stück später nicht mehr entformen. Das ist machbar, aber eine eigene Lernkurve, die über den reinen Gussvorgang hinausgeht.
Typische Anfängerfehler beim Schlickerguss
- Schlicker zu dickflüssig angerührt. Er läuft dann schlecht in Ecken und Details der Form, Luftblasen bleiben eingeschlossen.
- Zu früh entformt. Ist die Wand noch nicht lederhart, sackt das Stück beim Ausschalen in sich zusammen oder verzieht sich.
- Alte, ausgeleierte Formen weiterverwendet. Eine erschöpfte Form braucht deutlich länger für dieselbe Wandstärke, ohne dass das auf den ersten Blick auffällt, das Ergebnis wird dünnwandiger und instabiler als geplant.
- Nähte vergessen. Wer die Gussnähte im lederharten Zustand nicht nachbearbeitet, hat nach dem Brand scharfe, unschöne Grate, die sich dann nur noch mühsam abschleifen lassen.
Handaufbau und Gipsformguss: Diese Städte haben passende Studios
Gipsformguss lernen in Zürich
Im Keramikatelier Schroeder in Zürich-Oberstrass dreht sich alles um Handaufbautechniken, von der Plattentechnik bis zum Gipsformguss, in Kleingruppen von 3 bis 8 Personen.
Häufige Fragen zum Schlickerguss
Kann ich zu Hause Gipsformguss machen, ohne Studio?
Grundsätzlich ja, fertige Gipsformen und Gießschlicker lassen sich im Fachhandel kaufen. Schwieriger wird es, sobald du eigene Formen herstellen willst, das braucht etwas Übung mit Urmodell, Trennlinien und Gipsverhältnis. Für den Einstieg lohnt sich ein Kurs oder eine offene Werkstatt, in der bereits fertige Formen zur Verfügung stehen.
Ist Schlickerguss schwieriger als Drehen?
Anders schwierig. Beim Drehen entscheidet vor allem motorische Übung, beim Gipsformguss eher Timing und Geduld: zu früh oder zu spät abgießen, zu früh entformen, das sind die häufigsten Stolpersteine, keine Frage von Fingerfertigkeit.
Kann ich jeden Ton als Schlicker verwenden?
Nicht jede Tonart verflüssigt sich gleich gut. Für stabile Ergebnisse werden meist spezielle Gießmassen verwendet, die bereits auf das richtige Verhältnis aus Wasser, Ton und Verflüssiger abgestimmt sind. Einfach eigenen Drehton mit Wasser zu verdünnen, ergibt selten eine brauchbare Gießkonsistenz. Welche Tonarten es grundsätzlich gibt und wie sie sich unterscheiden, erklären wir in Steinzeug, Irdenware, Porzellan.
Wie unterscheidet sich das Ergebnis von einem handaufgebauten Stück?
Gegossene Stücke sind gleichmäßiger und dünnwandiger, wirken oft glatter und weniger individuell als von Hand geformte Keramik. Für Serien mit gleichbleibender Form ist das ein Vorteil, für Unikate im Wulst- oder Plattenstil eher nicht der gesuchte Effekt.
Muss ich den Gips vor dem Brennen entfernen?
Ja, aber das passiert automatisch beim Entformen, im gebrannten Stück steckt kein Gips mehr. Wichtig ist nur, wirklich alle Gipsreste von der Oberfläche abzuwischen, bevor du glasierst: Gips, der in den Brand gelangt, kann beim Erhitzen aufplatzen und den Scherben beschädigen.
Fazit
Schlickerguss ist die technischste der drei Formgebungsarten, aber genau deshalb auch die einzige, mit der Serien und komplexe Formen wirklich zuverlässig gelingen. Wer schon mit Wulst- und Plattentechnik vertraut ist und als Nächstes etwas Präziseres ausprobieren will, findet hier eine völlig andere Herangehensweise, mehr Chemie und Timing als Fingerspitzengefühl. Am einfachsten testest du das mit fertigen Formen in einem Studio, bevor du dich an eigene Urmodelle wagst.
Über den Autor
Die Claymate Redaktion recherchiert, schreibt und kuratiert Inhalte für Menschen, die Keramik nicht nur ausprobieren, sondern wirklich verstehen wollen. Unser Fokus liegt auf praxisnahen Guides, ehrlicher Orientierung und der Verbindung zwischen Wissen und passenden Studios.

